Letzter Tag – Neuanfang
Heute war mein letzter Tag bei meinem jetzigen Arbeitsgeber in einem fremden Land. 3 Jahre und 3 Monate – und am Tag, an dem man geht, relativiert sich viel.
Es war harte Arbeit, doch ich bin der Meinung, ich habe viel gelernt. Das beste waren meine Kollegen – es sind heute doch tatsächlich 22 mit zu meinem Abschiedsmittagessen gekommen!
Ein neuer Lebensabschnitt. Ich gehe zurück nach Deutschland.
Davor gib es allerdings noch viel zu tun.
Warum bin ich kein Digital Native?
Ich habe heute eine Absage von einer der Firmen bekommen, die ich besucht habe.
Ich war auf einige naheliegende oder fadenscheinige Ausreden eingestellt, doch der Grund, warum ich nicht die Richtige für eben jene Position sei, hat mich etwas … überrascht, um es milde auszudrücken: ich sei kein Digital Native. Interessanterweise definierte der Mensch am Telefon Digital Natives als Menschen, die Social Networking atmen und leben.
Digital Natives. Ich will nicht kleinlich sein – und eine Absage ist und bleibt eine Absage. Dennoch möchte ich einige Dinge klarstellen.
Wikipedia, Quell allen Wissens (und eine Web 2.0 Anwendunge, die vor allem von Digital Natives geprägt wird), definiert Digital Natives folgendermaßen:
“Als Digital Native werden Personen bezeichnet, die zu einer Zeit aufgewachsen sind, in der bereits digitalenComputer, das Internet, Handys und MP3s verfügbar waren.”
Weiter wird der Begriff des Digital Native als eine Person, die nach 1980 geboren wurde, näher definiert und vom Digital Immigrant, der normalerweise vor 1970 geboren wurde, abgegrenzt.
Ich bin derzeit Ende Zwanzig, also knapp um 1980 geboren. Check.
Ich bin mit digitalen Computern, dem Internet, Handys und MP3s aufgewachsen. Check.
Die ausgeschriebene Position war eine höhergestellte Position, keine Einstiegsposition. Nun wage ich zu fragen – wenn es nun um eine Position im mittleren Management handelt, darf man dann Twittern ein Einstellungskriterium machen? Es scheint, als suchten Sie einen 19-jährigen Abiturienten, der seinen Tag auf Twitter plattritt und sonst nicht viel mehr kann, macht und weiss.
Eigentlich ist einer der Gründe, warum ich zurück nach Deutschland möchte, die Logik der Deutschen. Die meisten Entscheidungen sind meistens logisch nachvollziehbar und belegbar. Was ich hier doch stark anzweifeln möchte.
Egal, wenn die Firma so denkt, dann hätte ich mich dort wahrscheinlich eh nicht wohlgefühlt, sondern hätte sofort hier bleiben können. Also, weiter geht die Suche.
Wünscht mir Glück …
…
und twittert (nicht).
Von einer, die auszog, um mit dem ICE nach Hause zu fahren
Nachdem ich am Frankfurter Flughafen morgens um 7 Uhr endlich mein Gepäck in der Hand hatte, dachte ich leichtsinnigerweise, es wäre ein leichtes, den ICE in den Süden um 7.54 zu erreichen. Was für ein Irrtum!
Zunächst einmal suchte ich den Bahnhof, oder besser gesagt, den Zugang zum Bahnhof. In Deutschland bedeuten nämlich Pfeile nach oben meist geradeaus, doch in 5% der Fälle, vielleicht auch noch seltener, signalisieren solche Pfeile, dass man sich nach oben – und nicht wie angenommen geradeaus nach vorne – bewegen muss. Wie man den Sonderfall der Bedeutung nach oben erkennt? Noch nicht einmal die Kenntnis von mehr als 3.000 chinesischen Schriftzeichen hilft einem dabei.
Nachdem ich deutsche Richtungshieroglyphen entschlüsselt hatte, musste ich eine schwerwiegende Entscheidung treffen. Sollte ich mich vor einem Kassenautomaten oder am DB-Schalter anstellen? Ich entschied mich für den Automaten, denn ich sah, dass vor allem ausländische Reisende am Schalter anstanden, was mich zu der Annahme bewog, dass diese Menschen vielleicht keinen deutschen Fahrkartenautomaten bedienen könnten. Die in der Schlange stehenden Menschen bemitleidend, stand ich selbst bereits nach 20 Minuten vor dem Automaten. Wählte den Zielort, die Zugart, alles, was ich auswählen musste. Doch dann sollte ich bezahlen und stellte fest: Deutschen Fahrkartenautomaten fehlt die Bargeldoption!
Durch eine genaue Untersuchung stellte ich fest, dass man mit einer EC-Karte bezahlen konnte … nein, musste. Sollte? Ich selbst besaß eine deutsche EC-Karte, doch nach vier Jahren war es etwas schwer, sich an die PIN-Nummer zu erinnern. Nach einer Zeit piepte der Automat, spuckte meine Karte aus – und löschte das Reiseziel. Ich versuchte, verwegen zu sein, schob daraufhin meine Cirrus-Karte in den Schlitz. Natürlich war sie ungültig. Warum sollte ein Automat neben EC-Karten auch die weltweit meist verbreitete Kartenart unterstützten (und bitte, von Kreditkarten wollen wir gar nicht anfangen).
Ich musste also aufgeben, denn die Menschen in der Schlange hinter mir fingen an zu murren. Ich hörte Sprüche, dass wenn Ausländer kein Deutsch verstehen und keine richtige Karte haben, sollten sie sich doch sofort am Schalter anstellen. Eine interessante Erfahrung nach einem 14 Stunden Flug um die halbe Welt. Deutsche Freundlichkeit.
Geschlagen stellte ich mich am DB-Schalter an. Es gab drei Schalter für alle Art von Kunden – und einen Schalter für Erste Klasse-Kunden. Leider waren für eine Schlange von 30 Menschen nur zwei Schalter geöffnet: der erste Klasse-Schalter und der für die Bahn-Holzklasse. Während der gesamten Wartezeit wollte genau ein Mann ein Erste-Klasse-Ticket kaufen, entschied sich dann jedoch um. Bediente der Erste-Klasse-Beauftragte auch normalsterbliche Kunden? Oooooh nein. Die mussten sich wieder ganz hinten in der Schlange anstellen, nachdem sie unerlaubt aus ihr ausgeschert waren. Und das beste am Warten: dafür, dass man seine Zeit wartend vergeudete, durf man noch 2 Euro mehr für das Ticket zahlen. Diese Logik erschliesst sich mir leider nicht, der Bahnangestellte wollte sie mir jedoch auch nicht erklären, sondern fragte mich nur genervt, ob ich nun ein Ticket haben wolle oder nicht – schließlich würden genügend Menschen hinter mir in der Schlange stehen.
Meinen ICE verpasste ich natürlich und musste zwei Stunden auf den nächsten warten. Auch einen Sitzplatz bekam ich nicht, ich durfte mich stattdessen in den Gang stellen, um mir Dutzende von Koffern über die Füsse rollen und Dutzende von Taschen in den Rücken stossen zu lassen.
Ein Hoch auf die Deutsche Bahn. Ich hatte vergessen, dass Bahnfahren in Deutschland ein Erlebnis ist.
Eines meiner Gespräche fand in München statt. Ich reiste per Bahn an und entschied mich, meine restliche Wartezeit im Münchner Bahnhof zu verbringen. Ich hatte gehört, dass sich in Deutschland inzwischen das Wlan Netz deutlich verbessert hat – und Starbucks seit neuestem auch Internetzugang in seinen deutschen Filialen bietet.
Ich weiss nicht, ob ich unterbewusst danach gesucht habe, doch plötzlich stand ich vor der Starbucks-Filiale im Münchner Hauptbahnhof – und ein Din A 4 großes Werbeplakat zog mich an: Free Internet.
Da ich noch unter den deutschen Temperaturen litt, die ich nicht mehr gewohnt bin, flüchtete ich mich schnell ins Innere des Cafes und fragte die männliche Bedienung, wie ich in den Genuss des gratis Internetzugangs kommen würde. Meiner Meinung nach sah ich deutsch aus, sprach deutsch und schien mich meiner Meinung nach “unauffällig” und deutsch zu verhalten – doch der Mann an der Kasse sah das nicht so.
Er musterte mich von oben bis unten, um dann abschätzig festzustellen, dass ich wohl kein deutsches Handy besitzen würde. Als ich das verneinte und meinte, dass ich sehr wohl über eine deutsche Handynummer verfügen würde, meinte er, dann sollte ich eben meine Handynummer eingeben, das wärs. Ich hatte natürlich nicht verstanden, wo ich eben jene Nummer eingeben sollte, doch ich kam gar nicht dazu, nachzuhaken.
Mit einem süffisanten Grinsen fragte er mich nämlich: “Und was darf es zu trinken sein? Heißes Wasser?”
Ich gebe zu, so etwas bin ich nicht mehr gewohnt. Hier ist der Kunde König und solch unverschämtes Verhalten gegenüber Kunden, egal, was diese möchten, oder getan haben, führt meist zu einer fristlosen Kündigung. Auch und vor allem bei Starbucks.
Nun weiß ich jedenfalls, in welches Cafe ich nach meiner Rückkehr nach Deutschland nicht mehr gehen werde. Eine internationale Kette, die sich leider dem deutschen Servicewesen angepasst hat. Meine bucks bekommen sie jedenfalls nicht mehr.
Der erste Artikel
Dies ist der erste Artikel meines Blogs.
Nach vier Jahren in einem asiatischen Land, dessen Namen ich aus Gründen der Anonymität nicht nennen möchte, möchte ich wieder zurück nach Deutschland. Der Wunsch war schon länger da, doch erst vor fünf Monaten habe ich mich dazu durchgerungen, meiner unbestimmten Zukunft eine gewisse Richtung zu geben.
Fünf Monate, endlose E-Mails mit meinem Lebenslauf und einige Telefoninterviews später erhielt ich dann einige Einladungen zu “echten” Bewerbungsgesprächen. Nicht über das Telefon, sondern in Deutschland.
Eigentlich war es Wahnsinn, doch ich flog nach Deutschland und stellte mich diesen Firmen und Menschen. Ich hatte das Gefühl, dass wenn ich es nicht tun würde, würde ich hier nie wegkommen.
In den Jahren zuvor flog ich ungefähr einmal im Jahr zurück nach Deutschland, meist zu Weihnachten. Während dieser Aufenthalte wusste ich, dass ich bald wieder zurück in Asien sein würde – und so drehten sich meine Aufenthalte meist um meine Familie und darum, Dinge zu kaufen, die ich in Asien nicht kaufen konnte. Doch dieses Mal war es anders. Plötzlich wusste ich, dass ich, wenn alles gut gehen würde, früher oder später wieder in diesem Land leben würde, und auf einmal kam mir alles furchtbar fremd vor.
Während ich nun auf positive oder negative Antworten bezüglich zukünftiger Positionen warte, möchte ich in den nächsten Artikeln etwas mehr von meiner letzten Deutschlandreise erzählen.